16. Oktober 2026
Das fehlende Puzzleteil

Um 1910 betrachtet ein junger deutscher Meteorologe eine Weltkarte und bleibt an etwas hängen, das eigentlich jedes Schulkind sehen kann: Die Ostküste Südamerikas und die Westküste Afrikas passen ineinander wie zwei Teile eines Puzzles. Alfred Wegener hält das nicht für einen Zufall.
Er beginnt zu sammeln. Gleiche Gesteinsformationen auf beiden Seiten des Atlantiks. Gleiche Fossilien von Tieren, die niemals einen Ozean hätten überqueren können. Im Januar 1912 stellt er in Frankfurt seine Idee vor, 1915 erscheint sein Buch „Die Entstehung der Kontinente und Ozeane“. Seine These: Die Kontinente waren einst vereint und sind auseinandergedriftet.
Die Fachwelt reagiert mit Ablehnung, teils mit Spott. Ein Einwand wiegt besonders schwer: Wegener kann nicht erklären, welche Kraft ganze Kontinente bewegen sollte. Er stirbt 1930 auf einer Grönland-Expedition, ohne Anerkennung erfahren zu haben. Erst in den 1960er Jahren liefert die Erforschung des Ozeanbodens das fehlende Teil, und aus Wegeners belächelter Idee wird die Plattentektonik, eines der Fundamente der modernen Geowissenschaften.
Der Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn beschrieb 1962, warum solche Geschichten kein Zufall sind. Die meiste Forschung, so Kuhn, ist Rätsellösen innerhalb eines anerkannten Rahmens. Doch immer wieder tauchen Befunde auf, die nicht ins Bild passen. Lange werden sie übersehen oder beiseitegelegt. Bis sich so viele angesammelt haben, dass das ganze Bild neu gelegt werden muss.
Genau das ist meine Arbeitsweise. Seit mehr als drei Jahrzehnten suche ich nach jenen Puzzleteilen, die im bisherigen Bild von Gesundheit noch fehlen, und prüfe, wie sich dadurch der Blick auf das Ganze verändert. Als Medizin-Ethnologe finde ich sie oft dort, wo die Medizin selten nachsieht: in anderen Kulturen, in anderen Disziplinen, in alten Beobachtungen, die nie richtig eingeordnet wurden. Schon meine Abschlussarbeit über den Wirkungsbegriff Baraka in Marokko führte mich zu einer Einsicht, die mich bis heute begleitet: Gesundheit entsteht nie außerhalb von Bedeutung, Beziehung und Kontext.
In diesem Blog lege ich solche Puzzleteile auf den Tisch. Manche passen sofort. Manche brauchen Zeit. Und manche verändern, wie bei Wegener, das ganze Bild.
Quellen
Wegener A: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane. Vieweg, Braunschweig 1915.
Kuhn TS: The Structure of Scientific Revolutions. University of Chicago Press, 1962. Deutsch: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967.