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Warum-Fragen einmal aus anderer Sicht - Über Positives Denken

Im Zeitalter der Selbstoptimierung

haben viele Menschen, meines Erachtens zu viele Menschen, das sogenannte Positive Denken für sich entdeckt. Die Idee dahinter gründet auf der in Ansätzen richtigen Annahme, dass das permanente Wiederholen von Sätzen irgendwann Automatismen im Unbewussten auslöst, die dann von allein wirken. Dadurch handeln wir automatisiert und alles andere als FREI DENKEND, wollen wir das?

Ich bin erfolgreich und gesund

Nun, angenommen, jemand hat diesen Satz 1.000.000x aufgesagt und internalisiert und jeden auftretenden Zweifel daran, jede aufsteigende Angst, jede Unsicherheit schön unterdrückt. Was dann? Und vor Allem: Warum klappt das alles nicht wirklich, und warum gibt es trotzdem Tausende von Büchern/Ratgebern und Glücks-Coaches?

Es hat Jahrzehnte gedauert bis mit Barbara Ehrenreich die erste Autorin auf den Markt trat, die mit ihrem Bestseller



diesen Wahn genauer unter die Lupe nahm - mit vernichtendem Resultat. Dass dieser Trend zum Positiven Denken aus den USA gekommen ist, sollte uns bereits aufhorchen lassen. Im Land des Turbokapitalismus, wo alles und jedes zu einem Markt gemacht wird und wo man mehr als in vielen anderen Ländern LÄCHELN MUSS, beispielsweise um als Kellnerin mit drei Teilzeit-Jobs pro Tag das dringend benötigte Trinkgeld zu bekommen, scheinen solche Strategien naheliegend zu sein.

Schauen wir kurz auf jene Kellnerin und nennen sie Celine.

Celine habe ich wirklich getroffen,

2006 im Venetian Hotel in Las Vegas, abends spät in einem der vielen Restaurants. Sie fiel fast um vor Müdigkeit, hatte rund 14 Stunden gearbeitet und musste immer noch LÄCHELN, weil sie vom Trinkgeld lebt und nicht von dem Hungerlohn. Ein mitgereister Freund hat sie mit auf sein Hotelzimmer genommen, das heisst besser: "halb getragen", so erschöpft war sie, er hat sie einfach nur schlafen lassen. Alternativ hätte sie noch 80 Minuten mit dem Auto fahren müssen bis zu einem Betonklotz, in dem sie ein Appartment gemietet hatte.

Alle diese Celines und wie sie alle heißen mögen, lenken den Blick weg von den Dramen, die im Zuge großer sozialer Umschichtungen in den USA eigentlich in den Fokus gehören würden. Stattdessen schaut man nur auf sich und meint, das Straucheln in einem eigentlich unmenschlich gewordenen Alltag läge einzig und allein an einem selbst.... und versucht positiv zu denken.....

Das Burnout, liebe Celine, Du weisst es heute, wäre dir sicher gewesen.

Celine hatte Glück. Als sie aufwachte, sah sie meinen Mitstreiter Bernhard im Zimmer. Er hatte Frühstück für 2 auf sein Zimmer bestellt. Und wie im Märchen verliebten sich die Beiden, und Celine wohnt heute mit Bernhard am Starnberger See, und sie haben zwei Kinder :-)

Celine hatte aber mit ihrem positiven Denken (ich bin stark und souverän) keinen Erfolg gehabt. Sie hatte kurz vor dem Zusammenbruch einfach das Glück, einen deutschen jungen Arzt zu treffen, der zum einen Single war, der ihre Not genauso wie ich sah und und zum anderen ihre Augen und Lippen so schön fand..., dass er HANDELTE und sie bereits so hundemüde war, dass sie nicht mehr NEIN sagen konnte. Anstatt zum Auto im Parkdeck brachte er sie in sein Zimmer, legte sie in sein Bett, deckte sie zu und schlief auf der Couch. See the difference.

Wie katastrophal aus solchen desolaten gesellschaftlichen Zusammenhängen, aus der seelischen Not von Menschen und aus der Gier einer morallosen Geschäftemacherei eine regelrechte Glücks-Industrie entstanden ist, welche nicht nur Milliarden scheffelt sondern auch die wahren Ursachen der Zusammenhänge ausblendet, zeigt geradezu gnadenlos Eva Illouz mit ihren psychologisch versierten Co-Autor Edgar Cabanas auf. Sie vollzieht eine schonungslose Analyse einer schlicht geldgierigen Glücksindustrie, die Menschen in seelischer Not schamlos aussaugt.

Sie zeigen auch ebenso schonungslos auf, dass diese Fokussierung auf das INDIVIDUUM erst mit der von Thatcher und Reagan durchgepeitschten Neoliberalismus-Ausrichtung so richtig Fahrt aufnahm. Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen, das war deren Motto. Die Fehldeutung heisst auch: Es gibt keine strukturellen Probleme gesellschaftlicher Art, es gibt nur psychologische Defekte....

Die gesamte Glücks-Industrie lenkt den Blick vom Wesentlichen ab auf den Einzelnen, der optimiert im Hamsterrad der neoliberalen Maschinerie herumrennen soll - und zwar so kräftig und so lange er nur kann. Danach kann er sich gerne in Luft auflösen. Bedenke diese Zusammenhänge bitte!

Was geschehen kann, wenn man ausgerechnet als eh schon geschwächte Krebspatientin nach solch fragwürdigen Strohhalmen greift, schildert ein Artikel in der Wochenzeitung ZEIT aus dem Jahre 2010 sehr anschaulich:

https://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/01/Denk-nicht...

Kurzum: Versuchen wir es doch einmal ganz anders, pfeifen wir auf Möchtegern-Gurus, Glücks-Coaches und Ärzte, die von Erfolgsmedizin daherreden.

1) Zuerst lösen wir uns von dem Druck nur positiv denken zu müssen.

Hey!!!! Niemand von uns kann tagein, tagaus positiv denken, das ist auch gar nicht Sinn des Lebens. Wir müssen auch nicht immer HAPPY sein und der HAPPINESS frönen. Manchmal gibt es gar keinen Grund dazu, und bevor Du nun anfängst all jene Teile der Realität auszublenden, die Dir nicht POSITIV genug erscheinen und langsam aber sicher an einer Bewusstseinsspaltung zu leiden, lasse es lieber ganz sein. In der Regel beschwören wir dadurch eher noch widrige Schicksale herauf, weil wir aufsteigende negative Gefühle abblocken, mit einer daher gesagten AFFIRMATION zudecken wollen. Das kann natürlich niemals gutgehen. Also: Ab sofort befreie Dich von dem Zwang POSITIV denken zu müssen und immer HAPPY zu sein.

2) Versuche nicht BESSER ZU SEIN,
als es dein Gehirn und dein neuronales System sind.


Letztlich ist Dir jenes System haushoch überlegen. Benutze es mit den Werkzeugen deines Verstandes einfach auch richtig.

Beispiel 1:
Du versuchst krampfhaft dich zu entspannen, aber immer wieder klappt es nicht. Anstatt nun immer und immer zu wiederholen:

ICH BIN GANZ ENTSPANNT
(und dein Körper ruft: Bätschi, neee, biste gar nicht)

formulierst Du eine Frage an dein Gehirn. Frage:

WARUM KANN ICH MICH SO GUT ENTSPANNEN?

Beispiel 2:
Du versuchst dich auf ein wichtiges Gespräch vorzubereiten, an dem Du sehr selbstbewusst auftreten musst. Anstatt nun immer wieder zu wiederholen:

ICH BIN TOTAL SELBSTSICHER
(und du denkst zugleich: Stimmt ja gar nicht. Und es grummelt schwer im Bauch)

formulierst Du wieder eine Frage an dein Gehirn:

Frage dein Hochleistungssystem Folgendes:

WARUM BIN ICH SO SELBSTSICHER UND SOUVERÄN?

Der Trick dabei:
Das Gehirn tut was es soll. Es sucht und liefert Antworten und stimmt nebenbei dein gesamtes neuronales System langsam aber sicher um. Stelle Dir diese Fragen öfters am Tag, und du wirst es erleben. Du findest in Dir frappierende Antworten, und plötzlich merkst Du, dass sich in Dir etwas tut. Yeah. Warum hat Dir das keiner der Ratgeber erzählt? Vielleicht weil Du nach der Lektüre nicht etwa deine Probleme gelöst haben sollst sondern weil Du teure Seminare besuchen solltest. Präventiv kannst Du dich fragen:


WARUM KOMME ICH BESTENS OHNE POSITIVES DENKEN KLAR?

Die Antworten, die Dir ein-fallen, mögen dich am allermeisten überraschen.
Viel Erfolg!

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