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Meine letzte Amtshandlung in diesem Jahr

Ich sitze am Schreibtisch und schreibe einige Urkunden. Da fällt mir diese Geschichte ein:

Kurz vor meiner Abschlussprüfung im Studienfach Afrikanistik kam ich ins Institut. Im schönen Zimmerchen saß Prof. Möhlig und unterschrieb Urkunden für eine Ausbildung. Er lächelte mich an:

"Wissen Sie Christian, das macht mir Freude. Und ich hoffe, dass mich einer von
denen hier bis zu meinem Lebensende widerlegt. Sonst bin ich ein schlechter Lehrer gewesen. Was haben Sie denn auf dem Herzen?"


Viele Jahre später:
Gerade schreibe und unterschreibe ich einen Stapel Urkunden für die Absolventen meiner Halbjahres-Ausbildung zum Future-Medicine-Practitioner. (https://futuremed.christianappelt.de) . Da gibt es Coaches, PsychologInnen, Arztpraxen, Naturheilpraxen. Ja, es fühlt sich gut an. Ich kann meinen ehemaligen und hochgeschätzten Lehrmeister nun gut verstehen. Und ich gebe das gerne weiter. Wie wahr, wie wahr, wir wären ganz schlechte Lehrer, wenn wir nicht unsere SchülerInnen zu selbständigem Denken und Handeln anregen. Sie sollen lernen, um es besser zu machen und das Wissen zu erweitern und zum Wohle aller voran zu treiben. Alles andere ist nur eine Spielart der Besserwisserei.



Im Geiste sehe ich ihn grad grinsend aus der Tür herauskommen, mir den Arm auf die Schulter legend.
"Kommse, ich gebe Ihnen und mir, also uns, einen Kaffee oder einen Kakao aus, wie hieß noch dieses Etablissement, das Sie so schätzen? Café Krümel? In Ordnung. Und dann sprechen wir über Ihre baldige Prüfung."



Danke für die vielen teilweise sehr harten Seminare, Klausuren, lieber Herr Prof. Möhlig. Heute weiss ich, dass Sie uns mehr beigebracht haben als all die Wischiwaschi-Kollegen meines ganzen Studiums! Und meine ZWEI in der Mündlichen war mehr wert als jede EINS im Hauptfach ETHNOLOGIE...

Frohe Weihnachtsgrüße zu Ihnnen nach Hürth, lieber Prof. Möhlig!


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Eis essen, lang schlafen und lieber Kaffeetrinken oder für Möhligs Mistseminar büffeln?
Das war so eine Frage...


Was haben meine damalige Freundin Elaine und ich diesen Prof. verwünscht. 30 Seiten eiliges Mitschreibegekritzel pro Seminarsitzung, hammerharte Klausuren. Hinterher nach der Prüfung vertraute er mir an:

"Das musste so sein, damit sich Ihre Synapsen neu ausrichten und Sie sich zutrauen SELBST zu denken."

Respekt, Respekt, Respekt. Man hatte größten Respekt vor ihm. Einmal war eine Kommilitonin plötzlich schwanger (keiner wusste von wem....sie selbst erst recht nicht ) und verpasste wegen Übelkeit die Klausur. Ich ging als Geleitschutz sozusagen mit zu Möhlig in die Sprechstunde. Sie erwartete ein totales Donnerwetter von dem strengen Herrn. Prof. Möhlig hörte konzentriert zu, die Blicke wurden plötzlich ganz weich. Totales Verständnis. Klausur wurde bei ihm at home privatissime nachgeholt, seine Frau muss dazu lecker gekocht haben. Man fuhr sie gar im Auto nach Hause. Hinterher erzählte sie nur... Weisst Du eigentlich, wenn man 4 goldene Gabeln und Messer auf dem Tisch hat..., welche man zuerst  verwenden muss?

Eine schwangere Frau genoss höchste Achtung in seinen Augen. Knallharte Klausur im Seminar PHONOLOGIE afrikanischer Sprachen. Böse Fangfragen in der Aufgabenstellung. Die Hälfte war durchgefallen. Aber Möhlig lächelte mir zu beim Hereinkommen und zurückgeben der Arbeiten: 

Christian, Sie haben die EINS verdient. Beste Klausur...
Elaine war sauer... eine VIER.

Er hatte mich total neugierig gemacht hinter die Alltagswelt der Sprache zu blicken, meinen eigenen kulturellen Teil am Geschehen beiseite zu schieben und in die Tiefe zu schauen.

Heute sind solche Themen auch Inhalt meiner Ausbildung.

Nach der Abschlussprüfung, es war meine letzte offizielle Amtshandlung an der Uni, saß ich auf einem Bänkchen vor seinem Zimmer und wartete. Neben mir eine Kollegin aus Wuppertal, die nach mir "an der Reihe" war. Die Tür ging auf. Möhlig kam herausgeeilt. "Meinen Glückwunsch, das war eine
GUTE Prüfung. Machen Sie es gut. Frau B, guten Morgen, kommen Sie, kommen Sie."

Tür zu.
Stille.
Ende.
Alles vorbei. Die ganzen Jahre, das ganze Studium. Vorbei.
Vorbeiiiiiiiiiii!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Hilfe!

Ich verließ das Institut, stand auf der Zülpicher Straße, wie betäubt. Allein mit mir.

Das wars, und jetzt?
Was tu ich jetzt?
Wie soll man jetzt denn mit dem Gelernten Geld verdienen?

Die Welt erschien plötzlich wie ein Abgrund. Ohne das von Möhlig in uns und auch in mir eingemeißelte Selbstvertrauen wäre auch ich untergegangen, das steht fest.

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So!
Die Dokumente sind alle ausgestellt, unterschrieben, eingetütet. Sie gehen im neuen Jahr in die Post.
Das war es. Feierabend. 

Frohe Weihnachtstage an alle Leserinnen und Leser dieses kleinen Blogs.




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